
„Ich singe, weil ich ein Lied hab und nicht weil ihr es bei mir bestellt“ – treffender ist der rote Faden des Konzertes der beiden Urgesteine der deutschen Liedermacherszene auf dem ZMF in Freiburg nicht auszudrücken. Fernab kommerzieller Gedanken singen sich die beiden Barden ihre politischen Gedanken und Gesinnungen aus der Kehle, welche ihr Publikum seit über Jahrzehnten wie antikapitalistisches Seelenpflaster entgegen nimmt. In welche politische Kerbe das Liedgut donnert, ist zweifelsohne dem Publikum nicht fremd. Zwischenbeifall und zustimmende Pfiffe erschallen immer wieder an den einschlägigen Textstellen. Das Zirkuszelt war restlos ausverkauft und sicherlich würde das Ergebnis einer Meinungsumfrage des Publikums zum Ausgang der nächsten Bundestagswahl eine tatsächliche Prognose gnadenlos verfälschen. Als bekennender Revoluzzer ist Konstantin Wecker auch der Meinung, dass es wieder Zeit ist, Kampflieder zu singen – er empfiehlt dem Publikum deutlich, sich wieder mehr für seine Meinung einzusetzen, auch über Stuttgart 21 oder den Atomausstieg hinaus. Aus dieser Meinung heraus kristallisieren sich die Wutsongs wie „Absurdistan“ oder „Die feine Gesellschaft am Rande des Abgrunds“, welche unbestritten ihre inhaltlichen Nadelstiche setzten.
Doch nicht nur inhaltlich hatte das aktuelle Tourprogramm „Kein Ende in Sicht“ seine Qualitäten. Auch die vielseitigen musikalischen Finessen waren ein wahrer Hörgenuss. Neben den beiden Liedermachern Wecker und Wader, welche ihre Instrumente routiniert beherrschten, glänzte eine internationale Begleitcombo im Hintergrund. Aus Afghanistan gehört seit einiger Zeit Hakim Ludin als Percussionist zu Weckers Lieblingsmusikern. Eine Vielfalt an Klängen und Rhythmen sind sein Elexier und nahezu jeder Song glänzt durch ihn in einer bezaubernden Atmosphäre. Auch Nils Tuxen aus Dänemark überzeugte mit seinem Gefühl, die Saiteninstrumente erklingen zu lassen. Allen voran seine Pedal Steel Guitar, welche bei ihm nicht zwangsläufig nach Hillbilly klingt. Für das Fundament der Wecker / Wader-Interpretationen und für überraschende Klanguntermalungen bereicherte Weckers langjähriger musikalischer Partner Johannes Barnikel an den Tasten das ausgiebige Konzertprogramm. Eine abwechslungsreiche Songauswahl aus dem Liederbuch der beiden ergaben tolle Synergieeffekte. So sang jeder einmal eine Interpretation des anderen, so erklangen nette Duette und auch neue, bisher unveröffentlichte Lieder kamen zu Gehör. Für ein kollektives Johlen sorgte „Das Lächeln meiner Kanzlerin“ und bereicherte den Abend zusätzlich mit kabarettistischer Würze. Die Freude der beiden wurde mehr und mehr spürbar und so gipfelte der Abend auch in den beiden Spaßnummern des „Fiakerliedes“, welches vom Nordlicht Hannes Wader in perfektem Wiener Dialekt gesungen wurde und der plattdeutschen Wader-Nummer „Dat du min leefste büst“, welche von Konstantin Wecker in bayrischen Silben erklang.
Und so wurde das Motto des Tourneeprogrammes „Kein Ende in Sicht“ zum Schluss nochmals blanke Realität. Das Publikum forderte lautstark Zugabe um Zugabe und so geschah den beiden sympathischen Protestsängern doch noch ein Eingestehen, dass auch das ein oder andere Lied mehr vom Publikum bestellt wurde, als dass es freiwillig aus innerer Überzeugung heraus auf die Setliste geschrieben wurde. Nach üppigen drei Konzertstunden endete ein gehaltvoller Abend mit „Schlendern“ und ein zufriedenes Publikum hatte wieder genügend Impulse, für umschweifende Ansichtsphilosophien.
Quelle: EventArt - Jürgen Schindler
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